Jun

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Der Lebenslauf-Joker

In Zeiten des WorldWideWeb, in welcher der Informationsfluss überhand nimmt und jeder Einzelne die Möglichkeit hat, seine Erkenntnisse und Ansichten spielend leicht zu veröffentlichen bekommt auch ein menschlicher Abwehrmechanismus Futter, welcher schon tausende Jahre gepflegt wird. Bekommen wir von einem Menschen Ansichten und Erkenntnisse präsentiert, die uns an tiefe innere Wunden führen oder uns zwingen, unsere gefestigten Meinungen zu überdenken, ziehen wir gern den allseits beliebten „Lebenslauf-Joker“ aus dem Ärmel.
Der Lebenslauf-Joker ist die einfachste, geradezu billigste Art, das Gesagte desjenigen ad absurdum führen zu wollen, der uns gerade auf den Schlips getreten ist. Wir beschäftigen uns dann mal genauer mit diesem Menschen und bringen seine Geschichte, also seinen Lebenslauf in Erfahrung. Weicht dieser vom allgemeinen Idealbild, nämlich stringent, logisch nachvollziehbar und auf der Karierre-Familien-Finanz-Leiter stetig nach oben verlaufend ab, dann haben wir sofort DAS Argument gefunden, um diesen Menschen als eingebildeten Spinner ohne Reputation, als Emporkömmling oder als Großmaul abzustempeln.
Wie oft höre ich das jovial-abwertende und gemeinschaftsheischende „Naja, also DER… weißt du eigentlich was der gelernt hat?… Der ist doch nur…!
Ach ja? Und deswegen sind seine Erkenntnisse falsch, seine Denkwege absurd?

Wir Menschen feiern heutzutage unsere vermeintliche Freiheit, wollen Unabhängigkeit im Denken und Handeln und kultivieren unseren eingebildeten Individualismus mit Forderungen wie:“Think outside the box“, gern auch auf T-Shirts mit XXL-Lettern vor uns hertragend.
Chapeau!
Aber mal ehrlich, wie gelangt man denn zum Denken außerhalb der Konventionen? Indem an die gesellschaftlichen Normen erfüllt, das „Mein-Haus-mein-Auto-meine Frau-Spiel mitspielt?
Kann man „outside the box“ denken, wenn man in ihr lebt?

NEIN, KANN MAN NICHT!

Jegliche wirklich progressiven und zukunftsweisenden Veränderungen, jegliche Erfindungen, Verbesserungen und kritischen Anstöße, die uns Menschen als Gesamtheit weitergebracht haben kamen von Einzelnen, die aufgrund ihrer andersartigen Denkweise (welche die Grundlage für Neuerungen ist) mit dem vorherrschenden System gehadert haben. Wer innerhalb der Box lebt, kann nicht außerhalb ihrer denken!
Querdenker mit holprigen Lebensläufen haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, weil sie von klein auf mit dem Establishment nicht zurecht kamen, weil sie immer angeeckt sind, weil sie das Vorgefertigte und Vorgelebte nicht ausfüllen konnten, obwohl sie es oft angestrengt versucht haben. Ihre anderen Sichtweisen und Ansätze entstanden erst durch die Auseinandersetzung mit den geltenden Normen!
Und aus diesem Grund zeugt es von beschämender Ignoranz, die Erkenntnisse eines Menschen aufgrund seines Lebenslaufes zu verurteilen. Es zeugt von Verunsicherung und Angst-Abwehr.
Und es hindert uns daran, unsere geistigen Horizontlinien zu verschieben und dadurch wirklich weiterzukommen.
Und das wiederum ist fatal!
Weil es den einen um seinen Verdienst bringt und den anderen um eine Chance zu wachsen

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